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INTERVIEW MIT EINER ZEITZEUGIN

Die gelungene Flucht von Inge Albrecht

Nachdem ihr Vater als Kritiker des DDR-Regimes bekannt war, wurde ihr der Zugang zu einem Schulabschluss sowie zu einem Studium verwehrt.

 

Ihren ersten Fluchtversuch plante sie mit einer Freundin über die bulgarische Grenze, brach diesen jedoch ab, da der Flucht jegliche Planung fehlte.

Danach stellte sie einen Ausreiseantrag, wohlwissend, dass dieser Schritt für sie den Verlust ihrer Arbeitsstelle bedeutet. Dies wird ihr allerdings erspart, da sie sich wenig später ihr Bein bricht, krank geschrieben war, und ihre Kündigung sich somit vor ihr her schob.

Wenig später begegnet sie einer älteren Frau mit zwei Kindern (11 und 6 Jahre), die vom Staat zwar die Erlaubnis

hatte auszureisen, deren Mann allerdings dagegen war, sie und vor allem seine Kinder in den Westen fliehen zu lassen. Deswegen entschloss sie sich mit ihren Kindern in die Botschaft zu flüchten, und Frau Albrecht schloss sich ihr mit einer Freundin 1984 an. 

Diesmal waren sie besser vorbereitet:

Um nicht als Flüchtlinge aufzufallen, hatten sie nichts außer kleinen Taschen bei sich, ihre Dokumente, wie z.B. ihre Zeugnisse hatten sie abfotografiert und als Film bei sich, die sie auch im Falle einer Verhaftung schnell hätten löschen können, sodass kein Beweis gegen sie vorgelegen hätte.

Es gelingt ihnen, in die Botschaft zu gelangen, in der sich bereits 12 Flüchtige befanden (am Ende waren es 54). Insgesamt blieben sie vier Wochen in der Botschaft, bis ihnen ein Deal angeboten wurde, nach dessen Regeln sie für acht Wochen zurück in die DDR sollten, und danach frei wären, in die BRD auszureisen. Nach langem Abwägen geht sie tatsächlich zurück, darf aber schon nach drei Tagen in die BRD.

Mit einem Zug gelangt sie in die BRD und macht sich auf die Suche nach einer Auffangstelle in Marienfelde.

Inge Albrecht blieb nach ihrer Flucht für ein Jahr im West-Berlin, bevor sie für eine Zeit nach Hessen zog. Später zog es sie allerdings wieder nach Berlin zurück.

Interview mit Inge Albrecht : Infos

INTERVIEW MIT INGE ALBRECHT

SIE HABEN BEIDE SEITEN KENNENGELERNT, WAS WAR DIE STÄRKSTE VERÄNDERUNG ZWISCHEN OSTEN UND WESTEN:

,,TROTZ ALL DEN NEGATIVEN DINGEN IM OSTEN, HABE ICH NACH MEINER FLUCHT EINIGES VERMISST. AM MEISTEN FEHLTE MIR DAS ZWISCHENMENSCHLICHE, DAS EINFACHE KENNENLERNEN VON FREMDEN LEUTEN, WENN MAN IN EINE KNEIPE GEGANGEN IST. DAS GAB ES IM WESTEN SO NICHT.''

WIE HABEN SIE DAS JAHR ZWISCHEN DEM MAUERFALL UND DER WIEDERVEREINIGUNG ERLEBT?

,,NACH DEM MAUERFALL BIN ICH VIEL MIT MEINEN ELTERN DURCH EUROPA GEREIST, WEIL ICH BIN ALLEINE SCHON ZUVOR VIEL GEREIST, ABER MEINE ELTERN WAREN IMMER ZU ÄNGSTLICH, SIE HABEN SICH NUR ZUSAMMEN MIT MIR GETRAUT.''

WIE HABEN SIE DIE SCHNELLE WIEDERVEREINIGUNG POLITISCH GESEHEN?

,,ICH BEFÜRWORTE DIE AUFLÖSUNG DER DDR, ALLERDINGS ES HAT MICH DAMALS SEHR GEÄRGERT, DASS DIE DAMALIGE CDU DEN BÜRGERN HOHE VERSPRECHEN GEMACHT HAT, DIE SIE NATÜRLICH NICHT EINHALTEN KONNTEN. VIELE MENSCHEN, VOR ALLEM ÄLTERE WURDEN ARBEITSLOS, DIE JUNGE GENERATION HATTE KEINE PROBLEME NEUE ARBEITSSTELLEN ZU FINDEN.’’

HABEN IHRE ELTERN JEMALS ÜBERLEGT EBENFALLS ZU FLIEHEN?

,,NEIN, MEINE ELTERN HABEN NIE MIT DEM GEDANKEN GESPIELT, ZU FLIEHEN. ZU DER ZEIT, WO ICH GEFLOHEN BIN, WAR ES ÜBLICHER, DASS JUNGE LEUTE GEFLOHEN SIND. JE ÄLTER DIE MENSCHEN WAREN, DESTO MEHR HÄTTEN SIE AUCH ZURÜCK LASSEN MÜSSEN, ICH GLAUBE, DASS WAR AUCH EIN GRUND, WARUM MEINE ELTERN NICHT FLIEHEN WOLLTEN, SIE HATTEN NOCH MEINEN JÜNGEREN BRUDER. AUSSERDEM WAR ES VIEL ZU AUFWENDIG FÜR SIE DAS RISIKO EINZUGEHEN.’’

WIE WAR DIE SITUATION IN IHRER SCHULE BEZÜGLICH SPITZELN, KANNTEN SIE EINE PERSON DIREKT, DIE FÜR DIE STASI GEARBEITET HAT?

,,DIE GEFAHR BESTAND, ABER DIREKT KANNTE ICH NIEMANDEN. ES GAB NUR EINEN JUNGEN IN MEINER KLASSE, DER DURFTE DAS ABITUR MACHEN, OBWOHL ER VIEL SCHLECHTERE NOTEN HATTE, DA HABEN WIR UNS SCHON GEWUNDERT. SPÄTER HABE ICH DANN HERAUSGEFUNDEN, DASS SEIN VATER CHEF DER GRENZTRUPPEN DER DDR WAR, ABER DA ER NIE WIRKLICH IN UNSERER FREUNDESGRUPPE DRIN WAR, IST DA JETZT AUCH NICHTS PASSIERT, ABER VORSICHTIG SEIN MUSSTE MAN IMMER.

EHER INTERESSANT WURDE ES IN DER LEHRE, DA KONNTE MAN SICHER SEIN, DASS DA STASI LEUTE WAREN. ZUM GLÜCK HABE ICH SELBST NICHT DIE ERFAHRUNG GEMACHT, DASS SICH MEINE ENGSTEN FREUNDE ALS STASI SPITZEL ENTPUPPT HABEN.’’

ALS SIE BEIM DDR-FERNSEHEN GEARBEITET HABEN, WIE SEHR WURDE DIE MEINUNG GESCHNITTEN?


,,KOMPLETT, ICH WOLLTE AUCH DESWEGEN AUF KEINEN FALL IN DIE NACHRICHTEN ABTEILUNG. ICH HABE DANN DOKUMENTATIONEN GEMACHT ,,BILDUNGSFERNSEHEN’’. 

DANN EINMAL BIN ICH FÜR EINEN KOLLEGEN EINGESPRUNGEN, UM EINEN LEBENSLAUF EINER VERSTORBENEN PERSON ZU MODERIEREN, UND HINTER MIR STANDEN ZWEI STASI MÄNNER, DIE KONTROLLIERT HABEN, DASS ICH AN DEM FILM NICHTS VERÄNDERE, OBWOHL SIE NICHT MAL HÄTTEN EINGREIFEN KÖNNEN. DADURCH HAT MAN ES DANN SEHR STARK GEMERKT, DASS DIE STASI IMMER PRÄSENT WAR.

WIR MUSSTEN UNS AUCH IMMER POLITISCHE GESPRÄCHE ANHÖREN, ZUM BEISPIEL VON KARL EDUARD VON SCHNITZLER, DER HAT AUSSCHNITTE AUS WESTBERLINER FERNSEHEN GENOMMEN UND HAT ANHAND DIESER AUSSCHNITTE BEWEISEN WOLLEN, WIE VIELE ARBEITSLOSE IN WESTBERLIN LEBTEN, UND DASS DORT ALLE UNGLÜCKLICH SEIEN. WIR MUSSTEN DAS DANN LETZTENDLICH ZUSAMMENSCHNEIDEN, WAS TOTAL KOMISCH WAR, WEIL WIR ALLE WESTFERNSEHN GESCHAUT HABEN UND WUSSTEN, DASS ER NUR DIE AUSSCHNITTE NAHM.’’

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